Keynes & Lopokova
John Maynard Keynes kantte zich als onderhandelaar scherp tegen de zware straffen die Duitsland opgelegd kreeg in de zogenaamde Vrede van Versailles, omdat ze volgens hem ingegeven waren door politieke wraakzucht en de kiem in zich droegen van een nieuw en veel groter conflict. Tijdens de conferentie haalde Keynes bakzeil. De geschiedenis gaf hem later gelijk. In de jaren dertig werd hij beschouwd als de architect van de New Deal, die de Amerikaanse economie na de beurskrach van 1929 uit het slop zou halen. Sinds de financiële crisis in 2009 is de Keynesiaanse theorie overigens helemaal terug: om uit het slop te geraken, moeten regeringen durven investeren in crisistijd. Het is een inzicht dat het afgelopen voorjaar - onder druk van de coronacrisis - nog helderder naar voren kwam.
Keynes is om nog meer redenen een interessante figuur. In Londen maakte de homosexuele Keynes deel uit van de Bloomsburygroep, de Britse avant-garde van kunstenaars en intellectuelen als Virginia Woolf. Hij huwde met Lydia Lopokova, een vooraanstaande danseres uit Diaghilevs Ballets Russes.
Charles D.B. King en Liberia
Ook aan de onderhandelingstafel in Versailles zat een delegatie van het Afrikaanse land Liberia. Anno 1919 zijn alle andere Afrikaanse landen nog Europese kolonies en dus niet zelfstandig vertegenwoordigd in Versailles. Liberia is echter een land opgericht door voormalige Amerikaanse slaven: eigenlijk is het dus ook een kolonie, met de inheemse bevolking als tweederangsburgers en de ingeweken, hoogopgeleide, Engelstalige, bevrijde Afro-amerikaanse ex-slaven als eersterangsburgers.
Spaanse griep
De conferentie in Parijs vindt overigens plaats terwijl de Spaanse Griep wereldwijd om zich heen grijpt. De pandemie eist naar schatting 20 tot 100 miljoen levens, en overtreft daarmee ruimschoots het dodental van de Grote Oorlog zelf. De griep verspreidt zich ironisch genoeg als een lopend vuurtje tijdens de vieringen, vaak massabijeenkomsten, die ontstaan wanneer de soldaten naar hun eigen land terugkeren.
De leeslijst van Stijn
IN PARIS TRAF SICH DIE WELT
Interview mit dem Autor und Regisseur Stijn Devillé.
Jörg Vorhaben
Wie kamst du darauf, dass genau diese drei Personen, die Charaktere für Dein Stück sind?
Was mich an der Figur von John Maynard Keynes beim Vertrag von Versailles so fasziniert hat, war in erster Linie seine kritische Haltung zum Vertrag, den er selbst mitgestaltet hatte. Sehr verblüffend fand ich auch, dass Keynes sehr genau vorhersah, dass der Vertrag zu einem neuen Konflikt zwischen Deutschland und den Alliierten führen würde. Gleichzeitig entwickelte er ein neues theoretisches Modell für eine Makroökonomie, die die ganze Welt aus der Depression der 1930er Jahre herausholte und die auch heute nach der Finanzkrise und dem wirtschaftlichen Chaos, das Corona anrichtet, sehr aktuell ist. Mir wurde sehr schnell klar, dass er eine zentrale Rolle spielen musste. Während meiner Recherchen zum Vertrag von Versailles erkannte ich plötzlich, dass nur ein afrikanisches Land, mit nur einem Gesandten vertreten war. Das war mir zuvor nie aufgefallen. Ich betrachte mich als eine sachkundige, aufgeschlossene und fortschrittliche Person. Aber plötzlich musste ich mir eingestehen, dass ich nie bemerkt hatte, dass auf der Konferenz, bei der die Welt neugestaltet wurde, nur ein einziger Afrikaner geladen war. Es bedurfte einiger Nachforschungen, um herauszufinden, dass es sich bei diesem Gesandten um Charles D.B. King handelte. Er kam als Außenminister zur Konferenz nach Paris und erfuhr wenig später, dass er inzwischen in Liberia zum Präsidenten gewählt worden war. Keynes war ein besonders großer Kunstliebhaber und ein allseits bekanntes Mitglied des Bloomsbury-Kreises und hatte bis zur Friedenskonferenz in Paris übrigens nur schwule Liebesbeziehungen, was zu dieser Zeit noch strafbar war. Ein Treffen zwischen einem schwulen Ökonomen und dem ersten schwarzen Politiker auf einem solchen internationalen Kongress schien ein aufregender Ausgangspunkt zu sein. Es fehlte aber noch eine weibliche Perspektive. Diese ergab sich in der Figur von Lydia Lopokova. 1919 war sie die Hauptdarstellerin von Diaghilevs Ballets Russes, der avantgardistischen Ballettgruppe, die weltweit für Furore sorgte. Die Ballets Russes waren ein weltweites Phänomen. Gleichzeitig waren diese Compagnie für sie eine Art Exil, da sie wegen der Oktoberrevolution in Russland nicht nach Hause zurückkehren konnte. Wir begegnen Lydia Lopokova in dem Moment, in dem ihr italienischer Ehemann und Manager mit ihrem Geld davongelaufen ist. Keynes traf Lopokova zum ersten Mal im Dezember 1918. Dieses Treffen hatte eine Art langsam bezaubernde Wirkung auf ihn. Nach Jahren flüchtiger Beziehungen mit Männern ging er plötzlich eine lebenslange und tiefe Liebesbeziehung zu einer Frau ein. Sie sollten bis zu seinem Tod 1946 zusammenbleiben.
Warum kann eine Beschäftigung mit dem Friedensvertrag auch heute sinnvoll sein?
Die Weltkarte, wie wir sie heute kennen, ist immer noch ungefähr dieselbe wie die, die Woodrow Wilson, Georges Clemenceau und David Lloyd George im Juni 1919 gezeichnet haben. In Osteuropa wurden im Kommunismus einige Änderungen vorgenommen, aber sicherlich ist die Karte seit 1989 der von 1919 sehr ähnlich. Und das hat direkt zu einem Krieg auf dem Balkan und im Nahen Osten geführt. Irak, Iran, Syrien. Der Kampf zwischen Kurden, Sunniten und Schiiten ist eine direkte Folge der Neugestaltung des Nahen Ostens durch die Briten und Franzosen nach dem Fall des Osmanischen Reiches, um die britischen und französischen Interessen zu verteidigen und gleichzeitig das Öl aus dieser Region zu schützen. Öl war bestimmend für eine neue Geopolitik. Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, welche Auswirkungen die Entscheidungen von drei Staatsmännern noch mehr als 100 Jahre später haben. Es ist noch beunruhigender zu sehen, auf welch gleichgültige und manchmal amateurhafte Weise diese Entscheidungen getroffen wurden. Es zeigt, wie groß der Einfluss der Politik auf unser tägliches Leben ist, auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, dass es kaum einen Unterschied macht, wer an der Regierung ist.
Was hat Dich bei der Beschäftigung mit dem Friedensvertrag von Versailles überrascht?
In erster Linie die Anwesenheit von Charles D.B. King. Aber auch der Umfang dieser gesamten Konferenz und wie viele Bereiche unseres Lebens der daraus resultierende Vertrag tatsächlich abdeckte. Von den nationalen Grenzen, über das Wahlrecht für Frauen, bis hin zu Vereinbarungen über Importe und Exporte. Zeitzeug*innen beschreiben die überschwängliche Atmosphäre in Paris als einen frühen Vorläufer der sexuellen Revolution: Der Krieg war vorbei, die Soldaten und Diplomaten waren weit weg von zu Hause und verliebten sich in den Charme des befreiten Paris. Trotz der damals herrschenden globalen Pandemie, die spanische Grippe, war anscheinend alles möglich.